Donnerstag, Juli 05, 2007

Nila

Bildbearbeitung by Lars Kranholdt

Wir bekommen keine Kinder, wir bekommen Lämmer, Welpen, Küken.
Zwei Wochen ist es jetzt her, dass ein Welpe den Weg in unser Haus gefunden hat. Mit Hilfe seiner Züchterin, die uns ausgesucht hat. Der Liebste hätte die „richtigen“ Fragen gestellt. Man könnte das auch missverstandenes nachbarschaftliches Interesse nennen, aber am Ende wurden wir becirct.
Seit ihrer Ankunft in unseren vier Wänden, hat sich Nila natürlich von unglaublich niedlich zu immer noch niedlich, aber… entwickelt. Ich gebe zu, ich hatte vergessen, wie viel man mit so einem Welpen zu tun hat.
Die Zeit des Prägens ist vorbei, das Heimweh mit viel Liebe niedergerungen und jetzt weiß sie, auf wen sie theoretisch hören soll. Immerhin, ihren Namen versteht sie und „Komm!“ bei Bedarf auch. Allerdings entscheidet noch immer sie über den Bedarf. In der 10. Woche seines Lebens sollte man das wohl noch dürfen - ihrer Meinung nach – hadert sie doch schon mit dem Sofaverbot, das nach der ersten Woche ausgesprochen worden ist. Schluss mit Streichelzoo. Auch sie muss im Ernst des Lebens ankommen.
Wir sind es schon. Die nicht vorhandene Stubenreinheit, die angeblich mit ein wenig Disziplin ganz schnell erlernt werden kann, sorgte dafür. Hatten doch stolze Besitzer ihrer Geschwister schon nach wenigen Tagen bei Ulrike angerufen, um zu verkünden, dass das Kind nun sauber sei, gestaltet sich das in unserem Fall ein wenig komplizierter. Wenn man die Schuhe „endlich“ anhat, zeugt schon ein See in der Diele von wenig Geduld und Verständnis seitens des Welpen für die Kleiderfrage von Frauchen. Hinter vorgehaltener Hand wurde mir allerdings zugestanden, dass Mädchen in dieser Hinsicht wohl ein wenig zickiger sind als Jungs. Ich ahne, dass es sich mit den Berichten der neuen Besitzer so verhält, wie bei Eltern mit ihrem ersten Kind. Das ist ja auch immer das beste, klügste, schnellste. Und wenn man nicht hinguckt, entpuppt es sich. Tatsächlich erziehen sie uns, wie wir sie erziehen.
Doch jenseits von angeknabbertem Mobiliar, nassem Küchenpapier, vermissten Schuhen und zerfetzten Zeitungen, gibt es diese Momente. Gerade heute Morgen durfte ich beobachten, wie die kleine Nila in ihrem Bedürfnis nach Nähe zu anderen Vierbeinern, vorsichtig den Kopf an das Heck unserer alten Hündin legte und diese ließ es das erste Mal zu. Ob unsere „Grand Dame“ es im Tiefschlaf einfach nicht gemerkt hat oder ob sie langsam weich wird, sei dahin gestellt. Aber am Ende macht das Mut, die Entscheidung über den Probemonat hinaus zu tragen.
Und so schlecht ist es doch nicht, wenn mal ein anderer Wirbelwind durchs Haus weht.

Samstag, Mai 19, 2007

Einige Gründe, warum allein sein auch mal ganz schön sein kann.

1. Das Lebenschaos bleibt überschaubar. Das vermeintlich geteilte Chaos ist tatsächlich nur doppeltes Chaos.

2. Man muss auf niemanden warten, man muss sich nicht hetzen.

3. Die Essensfrage ist leicht zu beantworten. Man hat Lust auf Kartoffeln mit Quark und keine Stimme aus dem Off quengelt: "Aber ich brauch was Richtiges. Mit Fleisch!"

4. Man kann in der Mitte des Bettes schlafen.

5. Man muss sich nicht mehr fragen, welcher Idiot abends bei voller Beleuchtung das Küchenfenster offen gelassen hat. Man war es selbst.

6. Auf 3Sat läuft ein Thementag und man muss nicht schon nach einer Stunde umschalten, weil garantiert auf irgendeinem anderen Sender etwas Besseres läuft.

7. Man kommt sich wieder nahe.

Montag, Mai 07, 2007

Dinosaurier oder Kakerlake?

Wenn man als Kind gebannt vor dem Fernseher saß und zuhörte, wie Peter von Zahn über ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch oder eine Überschwemmung referierte, während dazu Bilder von einstürzenden Brücken, schwimmenden Häusern und flüchtenden Menschen über die Mattscheibe flimmerten, konnte man leicht die sich wiederholenden Rufe der Familie zum Abendbrot ausblenden.
Die schwarz-weißen Bilder und ein kindliches Verständnis von Zeit ließen die Geschehnisse in eine weit zurückliegende Vergangenheit rücken, die dem Ganzen einen spektakulären Es-War-Einmal-Charakter verlieh ohne dass ein Gefühl von direkter Verletzlichkeit entstand.
Das war in den Siebzigern.

30 Jahre später ist es anders. Man sitzt im April im Garten, steckt die Nase in Bücher wie Simon Winchesters „Ein Riss geht durch die Erde“ oder Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“, schaut auf das verdörrende Gras und die braungebrannten Arme. Zu diesem Zeitpunkt hat es seit einem Monat nicht mehr geregnet. Erkenntnisse von Plattentektonik, CO2-Gehalt, schmelzenden Gletschern, löchrigen Eisschelfs, Chinas Energiebedarf, Hurricanes und El Nino vermischen sich mit den Gegebenheiten vor Ort. Man sieht ein, dass das, was vor 30 Jahren noch die kindliche Faszination auslöste, nicht zwingend weit zurückliegt, jederzeit wiederholbar ist und nicht unbedingt vor der eigenen Haustür halt macht.
Man erinnert sich an das Elbhochwasser 2002, an das Erdbeben von Bam 2003, an das Erdbeben von Sumatra und den daraus resultierenden Tsunami 2004, an Katrinas Zerstörung von New Orleans 2005 und an die Schneemassen, die in Deutschland Dächer zum einstürzen bringen im Jahr 2006.
Wenn man all diese Einzelereignisse in ihrer Gesamtheit und dem äußerst geringen Zeitraum betrachtet, in dem sie aufeinander folgten und, bekommt man eine Vorstellung davon, dass und wie alles zusammenhängt. Vor allem in den letzten 15 Jahren bekamen Millionen von Menschen bei diesen und anderen Katastrophen zu spüren, was für die meisten noch immer graue Theorie ist.
Genug Menschen zucken dennoch mit den Schultern und schieben es auf natürliche Veränderungen, die es immer schon auf der Erde gegeben hat, und denen wir uns nur anpassen müssen. Eher ahnt man jedoch, dass sich die Erde an die von uns geschaffenen Bedingungen anpassen wird, wie es auch Haie, Ratten und Kakerlaken können, wir aber die Dinosaurier sind.

Vielleicht unterscheidet uns Menschen nur eine Fähigkeit von den Tieren: Wir sind in der Lage unser eigenes Grab zu schaufeln.

Samstag, Mai 05, 2007

Gerade gelesen

"Fast ebenso gut hätte statt seiner Schwester er es sein können, der leidend am Fenster stand, aber was denkt ein Schlittenhund, was geht hinter seinen gelben Augen vor, wenn er sieht, wie der Polarforscher einen seiner Kumpane zur Seite nimmt, um ihm die Kehle aufzuschlitzen und aus ihm Futter für seine Geschwister zu machen?"

aus "Schweres Beben" von Jonathan Franzen

Montag, März 26, 2007

Deal or no Deal

Verkäufer werden ist nicht schwer, Verkäufer sein umso mehr. Der Berufsstand, der uns die Kaufentscheidung erleichtern und Begehrlichkeiten wecken soll, steht nicht immer in dem besten Ruf.
Den Ruf eines Autoverkäufers beispielsweise kann man vielleicht am besten mit dem eines Animateurs im Cluburlaub vergleichen – permanent präsent, irgendwie nervig und egal, welchen Zickzackkurs man wählt, man kommt nicht an ihm vorbei. Die Wurstfachverkäuferin hinter der Theke hingegen wird kaum als Verkäuferin wahrgenommen. Ihre beratende Funktion hält sich im Normalfall in Grenzen, denn der Kopf der Kundin/des Kunden ist meist schon beim Schreiben des Einkaufszettels zerbrochen und so geht es an der Theke nur noch darum, das Gewünschte einzupacken. Heikel lediglich die Frage nach der Frische, die im Sinne des Geschäfts natürlich grundsätzlich mit „ja“ zu beantworten ist, die jedoch aus versicherungstechnischen Gründen mit findigen Formulierungen den tatsächlichen Zustand des Fleischs darstellen soll ohne dass darin Worte wie „schlecht“, „übel riechend“ oder „sofort zu verzehren“ vorkommen. Gern genommene Empfehlung: „Braten Sie es gut durch! Dann kommt der Geschmack zur vollen Entfaltung.“

Vorraussetzung für den Beruf des Verkäufers ist auch die Identifikation mit der Marke respektive der Ware. Nur wer vermeintlich weiß, wie toll sich die Jeans tatsächlich trägt, das Auto sich fährt, die Waschmaschine wäscht, nur der kann seinen Kunden die Qualität glaubhaft vermitteln. Entsprechend hat der Verkäufer selbst, dessen Frau oder ein anderer Verwandter das Produkt schon lang im Besitz und seither ein besseres Leben – natürlich!
Grundsätzlich scheint dies jedoch bei Einigen dazu zu führen, dass sie sich mit ihren Kunden verwechseln. Besonders gut zu beobachten ist dies beispielsweise in den Boutiquen am Hamburger Jungfernstieg. Wenn man ein solches Geschäft, dass schon im Schaufenster die Waren nicht mehr auspreist, betritt, wird man erst einmal einer gründlichen Musterung unterzogen. Die Verkäuferin seziert den potenziellen Kunden, um herauszufinden, ob sich der Aufwand, hinter dem Tresen hervorzutreten, lohnt. Lohnt es sich in ihren Augen, hat man als Kunde zu meist ein sehr zuvorkommendes Wesen an seiner Seite, das einem permanent das Gefühl vermittelt auch noch in neongelb toll auszusehen. Natürlich weiß dieses Wesen auch, dass Frau X etwas Ähnliches auf der Eröffnungsfeier von Y tragen wird.
Am Ende des Tages fährt die Kundin allerdings wieder nach Othmarschen in ihre Villa, während die Verkäuferin die U-Bahn Richtung Wandsbek nimmt, um ihre Ein-Zimmer-Wohnung aufzuschließen.

Sympathie, Empathie und Geduld sollten das Wesen eines Verkäufers sein – möchte man meinen. Provisionen, Umsatzdruck, Unterbesetzung und Chefs, die sich permanent am existenziellen Abgrund sehen, verhindern leider oftmals, dass diese Qualitäten zur Geltung kommen. Ich persönlich erinnere mich noch gut daran, wie eine Kundin in mitleidig-ungeduldigem Ton zu mir sagte: „ Ist schon gut, ich habe mich doch schon entschlossen, den Blazer zu nehmen.“ Während des Verkaufsgesprächs war ich bereits zweimal ans Telefon gerufen worden, um meine Zahlen vor der Chefin zu rechtfertigen. Die Verzweiflung schien mir ins Gesicht geschrieben.

Besonders hässlich wird es jedoch für den Käufer, wenn der Verkäufer eine Ware anbietet, die wie „geschnitten Brot“ geht und sich dennoch in einer Preisklasse befindet, die nur nach reiflichen Überlegungen eine entsprechende Kaufentscheidung ermöglicht.
So geschehen am Freitag im Autohaus K. in Hamburg. Als Suchender gewohnt, dass sich der Verkäufer mit den speziellen Wünschen auseinandersetzt und sich bereit zeigt, einem in der einen oder anderen Sache entgegen zu kommen, trifft man vor Ort auf Herrn P.. Herr P. hat laut Internet am vorigen Tage 6 Jahreswagen der Marke V. hereinbekommen, die preislich endlich unter dem persönlich gesetzten Limit liegen. Als man sich, 24 Stunden nach Eintreffen der Wagen, auf dem Hof umsieht, wird klar, dass wir froh sein können, dass überhaupt noch drei Wagen zum Verkauf stehen.
Entsprechend verhält sich der Auftritt des Herrn P. Schnell wird deutlich, dass er es nicht nötig hat, dem Kunden das Gefühl einer Win-Win-Situation zu verschaffen. Herr P. gewinnt ja sowieso, denn wenn der eine Kunde nicht will – der nächste steht schon hinter diesem. Entsprechend werden Einwände weggewischt, Reservierung und Bedenkzeit sind keine Option und gezahlt wird, was auf dem Schild steht – Punkt.
Deal or no Deal, fragt Herr P.? Widerwillig, dennoch: Deal! Aber was lehrt uns das?
Verkäufer werden ist nicht schwer, Verkäufer sein umso mehr, Herr P.
Sonst verkauft sich ihr Ruf ungefähr so: Tolles Auto, aber der Verkäufer, der geht gar nicht! Es soll Kreise geben, denen das wichtig ist.

Mittwoch, März 14, 2007

Sonntags im Sitzen

„Sonntags im Sitzen“ - so lautet das Motto des JAZ Rostock, unter dem an zwei Sonntagen im Monat mehr oder minder international bekannte Bands auftreten. Am 11.03. beehrten der britische Solist SJ Esau und die Schwedenband Jeniferever das JAZ.
So gar nicht vertraut mit der JAZ- und JuZe-Szene im allgemeinen und Rostock im Speziellen, irritierte mich schon die Zeitangabe: Beginn zwischen 20.00h und 21.00h. Als wir - sehr deutsch – pünktlich um 20.00h eintreffen, haben wir weder Parkplatzprobleme zu bewältigen, noch müssen wir uns an einer Schlange anstellen. Im Gegenteil, die Tür steht sperrangelweit offen und der Einlasstresen ist unbesetzt.
Also hinein in die „gute“ Stube, die, kaum, dass wir einen Fuß in sie setzen, alle Klischees von Improvisation, jugendlicher Kreativitätsentfaltung und staatlichen Sparmaßnahmen bedient.
Nachdem wir uns davon überzeugen können, dass man noch mitten in den Vorbereitungen steckt, machen wir es uns auf einem Sofa im Foyer bequem und beginnen die Zeit abzusitzen. Über uns prangen auf offen liegenden Rohrleitungen Aufkleber der „Rote Hilfe e.V.“, in denen von „Repressionen“ und „Organen“ die Rede ist. An uns vorbei ziehen Menschen mit kleinen Lastenkarren, die, flankiert von Hunden, die Bar auffüllen.
Gegen halb zehn wechseln wir in den Raum des Geschehens. Gerade ist noch das letzte Sofa herein getragen worden. Auch hier die ersten, haben wir reichlich Zeit, die gerade mal um eine Treppenstufe höher gelegene Bühne zu mustern.
Mit „fragil melancholisch“ und „verträumte Gitarrenmusik“ wird Jeniferever beworben. Es stehen jedoch allein ca. 14 Saiteninstrumente auf der rechten und linken Seite der Bühne. Gänzlich unvertraut mit der Musik, frage ich mich, wie verträumt das noch werden kann? (Ja, Lars, an dieser Stelle bekenne ich: ich kannte Jeniferever vorher gar nicht!) Das Gerücht, dass es um halb elf losgehen soll, wabert durch den Raum. Und tatsächlich, als ich gerade um halb elf zur Toilette gehen will und beim durchqueren des Raums überrascht feststelle, dass dieser sich komplett gefüllt hat, erklingen die ersten Töne von SJ Esau. Vor uns steht ein langer dünner Mann, dessen große Augen an die eines Rehs im Scheinwerferlicht erinnern. Eine E-Gitarre um den Hals, ein Harmonium, zwei Mikros, ein Becken, das mit Hilfe des Gitarrenarms geschlagen wird und Elektronik zu seinen Füßen – die Show ist er. Er nimmt Schleifen auf, spielt sie ein, doppelt sie – er friggelt, fummelt, fremdelt – und beeindruckt. Ein Mann, der den breiten, manchmal fast epischen Sound einer Band zusammenbastelt und diesen mit seinem fragilen Gesang unterfüttert. Die langen Pausen, die die technischen Aspekte erfordern, sind nicht immer sexy, aber wenn er dann endlich loslegt, sich, die Augen geschlossen, in der Musik verliert, dann verzeiht man ihm auch das. Mit seiner leicht unbeholfenen Art hat er die Frauen im Raum binnen Sekunden für sich eingenommen. Aber auch viele der Männer sind beeindruckt als SJ Esau ohne Zugabe mit Taschen bepackt, die Bühne über den Zuschauerraum verlässt.
Inzwischen haben einige Mitglieder von Jeniferever die Bühne betreten, beginnen ihre Instrumente zu stimmen, lassen sich Bier und Wasser auf die Bühne reichen. Zügig wird losgelegt. Nachdem ich auch die Geschlechterfrage des Sängers (!) für mich klären konnte, lehne ich mich in meinem Sessel zurück und, schließe die Augen. Schon nach den ersten Takten wird klar, dass diese Musik, mit allem Respekt für das JAZ, in diesen Räumlichkeiten gefangen ist. Die Soundwände von zwei Gitarren, zwei Bässen, einem raffinierten Schlagzeug und erneut fragilem Gesang erzeugen in mir sofort Bilder von Hallen und Festivals. Ich stelle mir vor, wie sich diese in ihrer Feinheit gewaltige Dichte über tausende von Zuschauern verteilt, fängt und fesselt, um am Ende irgendwo im nirgendwo zu verhallen. Ich schließe die Augen, lasse mich fallen und erreiche fast den Trancezustand. Dennoch - wortkarg, fast ein wenig zu abgebrüht, zieht die Band ihr Set durch. Man ahnt, dass nicht nur uns das Warten ein wenig angefressen hat. Erstaunlicherweise ist die Resonanz des Publikums verhältnismäßig reserviert. Entsprechend gezügelt der Wunsch nach einer Zugabe. Die Band entspricht ihm dennoch und, als wolle sie uns allen noch einmal zeigen was tatsächlich in ihr steckt, spielen uns die Musiker an eine fast zehnminütige Klangwand, stellen sich und uns in den Sturm, geben alles – und ernten nun endlich auch die verdiente Euphorie.
Am Merchandise-Stand treffen wir sie wieder. Sie wirken, als wäre nichts gewesen. Als hätten sie die ganze Zeit da gesessen und nicht noch vor zwei Minuten die Luft vibrieren lassen. Sind entspannt, freundlich, müde.
Das sind wir auch und machen uns gegen ein Uhr, mit Shirt, CD und guten Wünschen bepackt, endlich auf den langen Weg heim.
Wir sehen uns wieder – hoffentlich - zu einer anderen Zeit, aber vor allem an einem anderen, größeren Ort.

Samstag, März 10, 2007

Wie und mit welchen Mitteln entsteht bei Dir/Ihnen ein neuer Blogeintrag

Herrn Ivalo habe ich diesen Stock zu verdanken. Der erste, der mich direkt trifft. Und ich habe gar keine Ahnung, wie er auf mich kommt.... ;-)

Das „Wie“: Augen auf, Ohren auf und neugierig bleiben – so lautet wohl die Devise eines jeden Bloggers.
Die „schafswelt“ sollte eigentlich nur dazu dienen, den räumlich weiter entfernt lebenden Lieben hin und wieder ein Lebenszeichen jenseits des Telefons und des Reisens zu liefern.
Schnell entdeckte ich jedoch meine alte Liebe zum Schreiben und zum Klugscheißen neu und so gerieten auch Themen jenseits meines Lebens ins Visier.
Web 2.0 dient dabei nur in dritter Linie als Quelle. In zweiter Linie beziehe ich meine Inspiration aus Magazinen und Zeitschriften, deren Haltbarkeitsdatum beim Lesen zumeist schon seit einigen Wochen, manchmal Monaten, abgelaufen ist. Der Vorteil ist, dass man sich nicht von Aktualität leiten lässt, sondern von Themen, die uns wie ein roter Faden begleiten.
Erlebtes, Gespräche und Diskussionen, manchmal nur eine in einem Nebensatz gefallene Bemerkung, lösen aber am ehesten einen Eintrag aus. Dieser wird jedoch nicht sofort in das Notebook gehämmert. Ich spüre ein Thema, laufe einige Tage damit rum, bilde im Geist einzelne Sätze, füge sie zu Absätzen zusammen und wenn die Zeit reif ist, beginne ich zu schreiben und, so denn es notwendig ist, zu recherchieren. Auf diese Weise erkenne ich, ob mich die Thematik oder das Geschehene tatsächlich fesselt oder ob es nur in dem Moment interessant erschien.
Das erklärt vielleicht auch so manch unschöne Pause in meinem Blog, doch mir ist Qualität wichtiger als Quantität – ob ich diesem Anspruch gerecht werde, obliegt jedoch anderen, zu beurteilen. Ich halte es da mit meiner zukünftigen Grabinschrift: Sie hat sich stets bemüht.

Das „mit welchen Mitteln“: Dies ist schon schwieriger zu beantworten. Als ich einige Einträge von Stockempfängern las, insbesondere
den, von dem dieses Geschoss entwickelt wurde, bekam ich einen Eindruck davon, was für ein Glück es überhaupt ist, bloggen zu können. RSS-Feed, Wordpress und vieles mehr sind für mich böhmische Dörfer. Ich persönlich freue mich ja schon, wenn ich einen Link fehlerfrei setze.
Als ich vor kurzem meinen Blog an die nun fertig gestellte Betaversion von blogger.com angepasst habe, hat es mich fast zerrissen. Es brauchte Stunden, zu verstehen, umzubauen und anzupassen. Am Ende ist die Betaversion in vielen Bereichen tatsächlich leichter zu Händeln, da man nicht mehr für jede Kleinigkeit in die HTML-Vorlage eingreifen muss, aber einem kommen natürlich auch ein paar Vorteile, wie der hübsche Rahmen um die Fotos im Sidebar, abhanden. Ich gestehe jedoch, dass ich ohne Freunde mit dem richtigen Wissen niemals Fotos im Sidebar gehabt hätte.
Mein Mittel ist neben blogger.com der Klassiker „Word“. Ich schreibe darin, speichere meine Entwürfe in entsprechenden Ordnern und kopiere fertige Einträge einfach rein. Vor kurzem war ich gezwungen, die Entwürfe direkt bei blogger.com zu speichern, stellte dann aber zu meinem Bedauern fest, dass die Entwürfe datiert werden und die Einträge bei der Veröffentlichung das Datum des Entwurfs und nicht das der Veröffentlichung trugen. Also warten, bis man wieder zu Hause ist und zurück zur alten Schule. Doch kann es auch ein Vorteil sein, nicht alles gleich unter die Leute bringen zu können.

Ich reiche dieses Stöckchen weiter an
Markus Quint, in der Hoffnung, dass er es liest und seine von mir eher erahnte denn gewusste Abneigung gegen Stöckchen aufgibt, um uns in sein Geheimnis des quantitativ und qualitativ absolut hochwertigen Bloggens einzuweihen. Denn das ist doch nicht normal für einen Blogger…:-)
Des Weiteren streue ich es noch an den
Burnster, in dem Wissen, dass das Wandeln am Abgrund natürlich auch das Geheimnisvolle braucht, ich dennoch hoffe, dass er den Vorhang ein klein wenig öffnet und an den Waschsalon.

Dienstag, Februar 27, 2007

Immer wieder Sonntags

Kaffee am Sonntag Nachmittag. Drei Männer, zwei Frauen, ein kleines Mädchen.

Mann 1: Ich bin jetzt auch ein richtiger Mann.
Mann 2: Ach, sag an, bekommst Du einen Jungen?
Mann 1: Nein, aber einen Trecker.

Wir Frauen sehen uns an - Aha.

Sturm im Wasserglas

Eine Burg auf einer Insel vor Schottlands Küste. Wir, mein Angeliebter und ich, haben eine Wohnung in einem der Türme. Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir, wie sich der wilde Atlantik zu unseren "Füßen" bricht. Schwere Wolken werden vom Sturm über unsere Köpfe hinweg gejagt, doch wir haben es warm und heimelig. Ich stehe in der offenen Küche, schaue hinaus, als plötzlich ein militärisches Transportflugzeug der Russen mein Sichtfeld kreuzt.
Es schlingert im Wind, befindet sich im Tiefflug, als würde es zur Landung ansetzen wollen, doch wo man hinschaut, ist nur Wasser. Mein Herz setzt für eine Sekunde aus. Panik macht sich bereit, aufzusteigen. Ich renne ans Fenster, sehe, wie das Flugzeug eine Bogen zieht, die Insel umkreist. Ich stürze zu einem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite. Von hier aus sehe ich über den Hof der Burg hinweg auf die andere Seite der Insel. Ein Insel, die nicht mehr als dieser Burg Platz bieten kann. Ein Flugzeugträger liegt dicht vor der Küste. Mir wird klar, dass die Transportmaschine versucht, ein passendes Manöver zu fliegen, um auf diesem Schiff zu landen. Doch können so große Flugzeuge auf einem Schiff landen?
Jetzt bekomme ich es mit der Angst zu tun. Fühle, dass wir alle, die wir hier leben, in Gefahr sind. Ich drehe mich um, rufe nach meinem Angeliebten, als ob dieser etwas ändern könnte. Doch die Rufe verhallen. Wo ist er? Ich durchsuche die Wohnung, aber keine Spur. Gerade als ich der Panik komplett nachgeben will, öffnet sich die Wohnungstür und mein Angeliebter kommt herein. Nur mit Bademantel, halb geöffnet, und Latschen an den Füßen steht er in der Tür, das Handy in der Hand.
"Wo kommst Du her?", frage ich aufgeregt. Will erzählen was ich gesehen habe, setze an, doch der Ausdruck in seinen Augen lässt mich verstummen. Er steht noch immer in der Tür, paralysiert - erschrocken. Ich gehe hin, nehme seine Hand, schließe die Tür und führe ihn in den Raum. Er lehnt sich an die Wand, rutscht herunter und beginnt zu wimmern.
Ich hocke mich vor ihn - schweige, sehe ihn an. Er senkt den Blick, bekommt kaum Luft.
"Ich liebe ihn." Verzweifelt bringt er diesen Satz hervor und lässt mich zu Stein erstarren. Vergessen ist das Flugzeug, die äußerliche Bedrohung. Wie bei einem Soldaten unter Beschuss setzt mein Gehirn alle notwendigen Fakten in einem Bruchteil einer Sekunde frei und ich beginne zu verstehen. Sein regelmäßiges Verschwinden für ein paar Minuten, seine Reisen. Es ist eingetreten,womit ich immer gerechnet habe. Ich höre sein Wimmern, fühle seine Zerrissenheit, seine Schuld, seine Liebe, die nicht mehr genug ist, sosehr er auch gekämpft hat. Ein junger Zwanzigjähriger ist nicht mehr zu erreichen und ihn trifft die Wucht der Wahrheit. Mitleid erfüllt mich, Resignation - und Liebe.

Ich öffne die Augen und mir wird bewusst, das alles nur ein Traum war.

Und dann dringt ein Wimmern an mein Ohr.

Montag, Februar 26, 2007

Minimalistisch

Vor vielen, vielen Monden, das digitale Zeitalter war noch nicht eingeläutet, bekam ich meine erste Kamera geschenkt. Meine Eltern hatten extra meinen fotografieerfahrenen Cousin zu Rate gezogen. Es wurde eine Olympus OM-1. Das technische Highlight war ein eingebauter Belichtungsmesser. Alles andere musste man selbst einstellen. Schärfe, Blende, Verschlusszeit. Sein Argument war, dass man nur so richtig Fotografieren lernt und er hatte Recht.

Als ich am letzten Samstag das erste Mal in einem Mini der alten Generation saß, musste ich an diese Kamera denken. Das Auto ist ähnlich rudimentär, wenn man von dem Luxus eines CD-Players und Ledersitzen einmal absieht. Man fühlt jeden Kieselstein auf der Straße, kein noch so kleiner Schnitzer beim Lenken wird verziehen, vergeblich sucht man nach dem heutzutage handelsüblichen fünften Gang und das Röhren des Motors hat seinen ganz eigenen Charme. Offiziell ist er fähig zu einer Spitzengeschwindigkeit von 148 km/h, doch schon bei 120 km/h vibriert der Rückspiegel sosehr, dass man auf die Außenspiegel angewiesen ist. Der Tank fasst gerade mal 20 Liter und das Armaturenbrett gestaltet sich übersichtlich.
An jenem Samstag fuhr ich auf die A24 Richtung Hamburg, erste Bodenunebenheiten verursachten eine leichte Seekrankheit und ließen mich über einen Sport-BH nachdenken. Das Auto röhrte, so dass die Musik kaum noch zu hören war. Die Zeit überholte mich in Form von modernen Wagen, ausgestattet mit so vielen Kürzeln, dass vermutlich selbst die Verkäufer solcher Autos jedes Mal wieder eine Schulung brauchen, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt.
Ich fuhr ca. 110 km/h, lehnte mich in den, zugegebenermaßen bequemen Sitz, und fand mich damit ab, dass ich höchsten noch einen LKW überholen würde können. Vermutlich würde ich statt der üblichen Stunde gut zwei unterwegs sein.
Ich ließ den Blick schweifen und erfreute mich an dem, durch die äußerst schmale A-Säule bedingten Panoramablick. Der Druck schwand – es ging eben nicht schneller. Ich entspannte und während die anderen nur so vorbeiflitzten, spürte ich, dass dies mehr war, als eine Fahrt in irgendeinem Auto. Ich wurde entschleunigt und das Auto vermittelte mir das Gefühl, nicht am Anfang eines neuen Jahrtausends zu stehen – es ließ mich zurückreisen in eine Praeinternet-, eine Praehandyzeit, eine Zeit, in der Sinnlichkeit mehr zählte als immer erreichbar, immer im Gespräch oder eigentlich woanders zu sein. Erstaunt stellte ich fest, dass selbst in dem Unglück eines Totalschadens ein Quäntchen Glück liegen kann.


Dieser wunderbare kleine Mini stahl mir nicht die Zeit, er schenkte sie mir.

Samstag, Februar 17, 2007

Mein Held des Alltags

Natürlich bin ich allein, als ich mich am Donnerstag ins Auto setze, es starte und es lediglich ein leises Wimmern von sich gibt, bevor es vollständig verstummt. Mir wird schlecht. Meine Verbindung mit der Zivilisation ist gekappt und mir stehen noch vier lange Tage der Einsamkeit bevor.
Der Gang der Dinge wäre jetzt, routinemäßig den ADAC zu rufen, aber irgendetwas sagt mir, dass es sich um einen Schaden handeln könnte, der nicht mit ein paar Überbrückungskabeln zu lösen ist. Ich versuche erneut zu starten und erkenne, dass alle Warnleuchten angehen. Ich drehe den Schlüssel zurück, um ihn erneut, aber dies mal nur um die Hälfte zu drehen und prompt brüllt mich das Radio an und die Lüftung verpasst mir eine Fönfrisur. Okay, die Batterie ist es wohl nicht.

Also rufe ich R. an, seit meinem Zuzug der Mechaniker meines Vertrauens, um vielleicht so etwas wie eine Ferndiagnose zu erhalten, die mir eine kompetente Einschätzung meiner Situation gestattet. Schnell kommt er zur Sache: „Das könnte auch der Anlasser sein.“
Ich erinnere mich, dass er bei unserem letzten Akt der Wiederbelebung vor einem Jahr, übrigens ein Akt, von dem er uns schon damals ganz selbstlos abriet, prophezeite, dass uns dieses Problem einholen wird. Jetzt war es da – natürlich gerade jetzt. Ich frage etwas verschämt, ob er denn auch Hausbesuche machen würde. „Passt es gegen Eins?“. Toll!

Um es kurz zu machen: Es war der Anlasser und zwar so total, dass ein neuer her musste. Zusammen stehen wir in der Kälte und diskutieren, ob sich das noch lohnt.
Er könne sich nach einem gebrauchten umschauen, aber das wäre auch das maximale, was er noch raten würde. Wir sind uns einig. Einen neuen Anlasser in ein Auto einzubauen, dass in einem halben Jahr seine finale Fahrt antreten soll, macht keinen Sinn. Er hätte mir alternativ gern den Kundenwagen angeboten, so hätte ich Zeit zum Überlegen gehabt, aber der sei leider noch bis Samstag unterwegs.

Als am Freitag das Telefon klingelt, wühle ich mich gerade durch die Gebrauchtwagenanzeigen von Autoscout24.
„Ich habe einen gebrauchten Anlasser gefunden. Bist Du nachher da?“ Natürlich bin ich. Bis Fünf. „Na, bis dahin wollte ich eigentlich fertig sein.“ Noch besser! Und so kommt es, dass R. und ein Kumpel von ihm gegen Mittag vorbeikommen, um das Auto die Straße rauf und runter zu schieben, in der Hoffnung, dass es anspringt. Totaler körperlicher Einsatz und die beiden lassen mich, auch wenn am Ende doch geschleppt werden musste, beeindruckt zurück.

Als ich das Auto um Fünf abholen will, steht es noch immer in der Werkstatt. Mit schwand Böses. Aber alles ist gut. Fast alles.
„Das ganze hat sich doch ein wenig Komplizierter gestaltet als vermutet!“ Ich werde blass. Ich sehe mich schon vier Kilometer durch einen dunklen Wald nach Hause laufen. „Nein, nein, keine Sorge, er läuft jetzt wieder, aber es musste noch…“ Er bricht ab. Ich schaue fragend. Er winkt ab: „Ach, vergiss es, gib mir einfach die xx Euro. Schwamm drüber!“ Ehrlich? „Ja, wir machen das so. Kann nur sein, dass ihr noch mal wieder Probleme mit der Batterie bekommen werdet. Der zieht jetzt einfach viel Strom.“

Das Finanzielle wird geregelt. Er fährt den Wagen aus der Werkstatt. Ich setze mich ans Steuer, lausche dem anspringenden Motor und fühle mich gerettet. Ich lächle dankbar und denke, warum kann es nicht mehr Menschen geben wie R. in einer Gesellschaft, die gern erst nach ihrem eigenen Gewinn fragt, bevor sie sich in Bewegung setzt?

Rene Meissner vom 1a Autoservice in Crivitz ist mein Held – mein Held des Alltags.

Mittwoch, Februar 14, 2007

Ein Grund zum Traurig sein

Lange habe ich meine Blogroll links liegen lassen - wie meinen Blog eben. Doch in den angebrochenen Stunden einsamen Daseins habe ich mich alter "Bekannter" erinnert und musste leider feststellen, dass sie nicht mehr vollzählig sind.

Oh behave fand es Ende Januar an der Zeit zu gehen, zog den Vorhang zu und legte den Stift beiseite. Passenderweise ging er den Abschieden aus dem Weg, deaktivierte die Kommentarfunktion und ließ sicher nicht nur mich verblüfft zurück.

Einer weniger, mit dem man lachen konnte, besonders über sein "Idiom of the week". Einer weniger, mit dem das (mit)teilen des Alltags, der "richtigen" Musik oder dem umstrittenen Film immer wieder eine Freude war.

Einer weniger.

Montag, Februar 12, 2007

In Schwerin geht doch was.

Wer etwas werden will, verlässt die Stadt mit zwanzig
schaut nur zu Weihnachten am Ziegenmarkt vorbei
wer hier hängen bleibt wird vor der Zeit schon ranzig
und in der Straßenbahn riechts früh nach Arzenei

Als ich erfuhr, dass sich die Schweriner Lesecrew „Schmalz & Marmelade“ an diesem Sonntag dem Thema Musik widmen würde, gab es keine Diskussion für mich. An diesem Tag würde ich meine, derzeit so lieb gewordene, Höhle für ein paar Stunden verlassen. Musik trifft auf Literatur –zwei Leidenschaften werden auf einmal bedient – geht es denn noch besser?

Ach! Das Städtchen duftet nach Wasser und Wald
nach Schilf und im Juni nach Flieder
Das Blau überm Dom sieht dann aus wie gemalt
mit Tupfern aus Möwengefieder

Der Speicher war voll, alle Stühle besetzt, auf der Treppe ist kein durchkommen mehr, als das Licht ausgeht. Ein Stummfilm, musikalisch begleitet von zwei Improvisationsmusikern der Ataraxia, lässt uns teilhaben an dem steinigen Weg dreier „Amateure“ auf der Suche nach einer Bühne in Schwerin. Singenderweise scheitern sie an Pförtnern, Kassiererinnen, der Theaterpädagogik, am Marketing, sogar an den Kantineros – die Reaktionen reichen von freundlich herablassend über totale Ignoranz bis zum verärgerten Rausschmiss – natürlich vom Marketing.
Keiner will ihnen zuhören, keiner will sie haben. Bis sie vor der Tür des Speichers stehen – und in diesem Moment hören wir tatsächlich die Eingangstür des Speichers zufallen und die drei „Amateure“ betreten den Saal, klettern auf die Bühne und nun endlich dürfen auch wir hören, mit welchem Lied die drei sich bisher nicht durchsetzen konnten.

Schwerin Schwerin Du Hauptgewinn
Du petzende, schnipsende Streberin
nah am Wasser gebaut und verschrien
als das piefigste, triefigste,schönste und schläfrigste
Dorf zwischen Kiel und Berlin

Jules, Thom und Ivalo, verstärkt von den Musikern Oli Schneider, Tino Bittner alias Metapher und Carsten (!) Stotco plaudern über Musik und geben erste Texte zum Besten. Jules lässt uns an ihrem ganz persönlichen Potpourri Stimmungsmachender Musik teilhaben – in Text und Ton. Wir hatten viel zu lachen, als sie zu hardrockenden Klängen versucht, ein böses Gesicht zu ziehen und zu „Dein ist mein ganzes Herz“ in totale Verzückung gerät, stellvertretend für alle – wie sie anhand des Songs versucht, zu beweisen.

Schwerin ist gestern nur und morgen ist woanders
Schwerin ist süß wie eine alte Ananas
Schwerin ist Häschenschule, Alterssitz und kann
das Ende sein für den, der den Absprung verpasst.

Nach einer Pause, in der Brötchen gekauft und mit dem bereitgestellten Schmalz bestrichen worden sind, geht es weiter mit Texten und Musik. Musiker Oli Schneider, der natürlich viel jünger als die angegebenen 65 aussieht, liest aus seiner „Biografie“ und weiß zu berichten von ersten Songs, furzend dargeboten im Kinderwagen, seinem Aufnahmestudio, dass er sich bereits in der ersten Klasse eingerichtet hatte und wie er damit die Astrid aus der Neunten tief beeindruckte. Auch die zuletzt verdiente Million sollte nicht unerwähnt bleiben. Die war Diether Bohlen bereit zu zahlen, nachdem Oli Schneider ihm aus dem Stehgreif eine Melodie aus Kinderwagenzeiten – na, was wohl – gefurzt hatte.

Doch Schwerin ist auch die Stadt der braven Leute
man kann sicher sein: die Guten finden sich
ist der Schweriner auch des Zweifels fette Beute
so schlecht wie er denkt ist die Stadt lange nicht

In welcher Reihenfolge es weiter ging, wer vor und nach der zweiten Pause kam - ich gestehe, mein Erinnerungsvermögen lässt mich an dieser Stelle im Stich. Und so kann ich nur erzählen, dass Jules uns auf eine Reise nach London mitnahm, auf der sie doch so gern den Free Jazz lieben lernen wollte und es ihr dabei so gar nicht gelang, so cool zu sein, wie die Frau im Tigertop.
Das mich Carsten Stotco mit seiner Musik zu einer Kaufentscheidung zwang, die sich Thom an anderer Stelle lieber verkniff. Das Ivalo uns mit „Hilf dir selbst mit Musik“ einen guten Rat mit auf den Weg gab, der jedoch offensichtlich nicht ganz frei von Tücken ist und das das Duo aus Oli Schneider und Metapher mit seiner Mischung aus Gesang, Sprechgesang, Akustikgitarre und Beatboxing dem Speicher noch mal richtig eingeheizt hat.

Schwerin Schwerin Du Hauptgewinn
Du petzende, schnipsende Streberin
nah am Wasser gebaut und verschrien
als das piefigste, triefigste, schönste und schläfrigste
Dorf zwischen Kiel und Berlin

Und wer durch die eingeschobenen Zitate neugierig geworden ist, kann sich den Song, es handelt sich nämlich um einen Song, geschrieben von Thom und ich vermute mal komponiert von Carsten Stotco, in fast kompletter Länge hier anhören und ansehen.
Treffender wurde in meinen Augen und Ohren diese Stadt, der ich vor bald vier Jahren auf den Leim gegangen bin, bisher nicht beschrieben.

Und was das über mich aussagt…. Das lassen wir jetzt einfach mal.

Samstag, Dezember 30, 2006

Abrechnung mit Bild, Ton und Schrift 2006

Dieses Jahr sollen meine Charts für mein Jahr sprechen. Alles andere wurde hier an der einen oder anderen Stelle schon erzählt und zusammenfassend war es auch nicht mein bestes Jahr. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenfakten sind eh allen bekannt. Wozu also im Mist wühlen, wenn man es „kurz“ machen kann:

Neuentdeckte Töne des Jahres
1. Lucky Jim – All our troubles end tonight

Als Tipp gefunden bei einem ausgesprochenen Eskobar-Fan, begeistern Lucky Jim auf dieser Platte schon 2004 mit wunderschöner Stimme und einem manchmal etwas countrylastigen Sound, der dennoch in Herz und Seele hängen bleibt. Toll für lange Strecken auf der Autobahn.
2. Jens Lekmann – Oh, you´re so silent, Jens
Manchmal helfen die Querverweise bei Amazon. Poetisches Songwriting der besonderen Art.
3. Final Fantasy – He poos clouds
Ein Mann, eine Geige und der Rest ist Fuß – auch wenn die Instrumentierung auf der diesjährig erschienenen Platte „He poos clouds“ durch Piano und echte Drums erweitert wurde. Eine beeindruckende One-Man-Show. Mein Dank gilt Lars für diese musikalische Weiterbildung.
4. Coco Rosie – Noahs Ark
Das Geschwisterpaar Casidy bietet eine schräge Mischung aus Folkpop, Kammermusikstücken und Electronica, in die man sich reinhören muss, aber die einen nicht mehr loslässt, wenn es gelingt, sich auf sie einzulassen.
5. The Doors – Best of
Peinlich, aber wahr. Spät, aber noch nicht zu spät. Ich bin hin- und mitgerissen. Und so schafft es ein Buch mir legendäre Musik nahe zu bringen.

Bands des Jahres
1. Muse

Weil Matthew Bellamys Stimme mir noch immer das Herz bricht und weil ich bisher keine andere Band gehört habe, die über diese Musikalität und diese Tiefe verfügt und trotzdem dermaßen rockt, dass man beim Hören Gefahr läuft, den Kopf zu verlieren
2. Placebo
Dies Jahr wieder mit dabei, trotzdem „Song to say goodbye“ kein „Bitter end“ ist, hat „Meds“ sich dennoch in Herz und Ohr gefressen und im CD-Wechsler des Autos Wurzeln geschlagen. Dieses Jahr gefühlt dichter an Muse denn je.
3. Portugal. The man
Man möchte „Danke“ sagen für diese Band. Einer Band, der es in diesem Jahr gelang, im Einheitsbrei des Rock eine besondere Platte zu schaffen, wie es vielleicht in den letzten Jahren nur Arcade Fire oder Radiohead gelang.
4. The whitest boy alive
Möge dieses Projekt um Erlend Öye (Tut mir Leid, aber ich finde einfach nicht das dänische ö auf meiner Tastatur.) noch viele, viele Platten machen, die sich so schnell ins Ohr, in die Beine und ins Herz stehlen, dass man beim Hören aus dem Grinsen nicht mehr herauskommt.
5. Leander
Noch nicht gesignt, ließen mich die Kranholdt-Brüder dennoch an ihrer Musik teilhaben. Am Ende verließ die Platte nur noch selten meinen 5fach-Wechsler und war gerade beim Schreiben mein ständiger musikalischer Begleiter.

Solokünstler des Jahres
1. Noe Venable

Folkpop-Singer/Songwriting vom Feinsten. Ich kann seit einem Monat nicht genug bekommen von dieser Platte.
2. Damien Rice
Seine Musik ist dazu gemacht, einem die Tränen in die Augen zu treiben. Besser kann ein Cello in der Popmusik kaum eingesetzt werden
3. Jens Lekmann
Verückte Singer/Songwriter-Stücke mit wenig, aber teilweise ziemlich frecher Instrumentierung und schönen Texten. Nur schade, dass er ins bürgerliche Leben zurückkehren möchte.
4. An Pierlé
Belgische Frauenpower a là Tori Amos, klassisch instrumentiert, bahnt sie sich mit ihrer wunderbaren Stimme schnell einen Weg direkt ins Herz.
5. Morrissey
Was soll man über einen wie ihn noch sagen? Es wäre doch nur Blasphemie.

Album des Jahres
1. Portugal. The man – Waiter: „You vultures“
Weil man als Rockfan an der Stimme, am kreativen Songwriting und dem Finetuning von Laut/Leise nicht vorbeikommt.
2. Placebo – Meds
Nicht „Bitter end“, aber insgesamt fast noch besser als der Vorgänger
3. Muse – Black Holes and Revelations
Muse und dennoch nicht Muse. Deswegen auch nur Platz 3. Einfach zu viel Orientierung an anderen Bands und Sounds von vorgestern. Schade, denn das können sie erwiesenermaßen besser.
4. Damien Rice – 9
Zugegebenermaßen ein wenig Vorschusslorbeeren, da ich erst seit einigen Tagen im Besitz dieses Albums bin, doch seitdem läuft es in einer Art Dauerschleife in meinem Player und es enttäuscht nicht. Es hat die Kraft, die ich an Rice so liebe. Die Kraft, die Tiefe, das große Gefühl.
5. Uzi & Ari – It is freezing out
Weil Thom Yorke mit sich selbst beschäftigt ist und Radiohead somit schweigt. Uzi & Ari treten in ihre Fußstapfen und die Schuhe scheinen zu passen

Song des Jahres
1. Knights of Cydonia - Muse

Galloppierender Wahnsinn und mitten darin der Satz "Don´t waste your time or time will waste you"
2. Meds - Placebo

Schade nur, dass es so lange gedauert hat, bis ich erkannte, dass ich jedesmal, wenn ich lauthals zum Refrain "Baby, did you forget to take your best" sang, vollkommen falsch lag.
3. Juniper – Noe Venable
"Mama, oh Mama, I don´t wanna come down" Wenn ich nur diese Zeile schreibe, höre ich schon wieder den wunderbaren Rhytmus in meinem inneren Ohr.
4. Beautiful Boyz – Coco Rosie
"All those beautiful boyz/pimps and queens and criminal queers/all those beautiful boyz/tattoos of ships and tattoos of tears" gesungen von einer zerbrechlichen Stimme, die jeden Moment zu kippen droht.
5. Analyse – Thom Yorke

Zwischen all dem elektronischen Gefriggel diese Perle.

Konzert des Jahres

1. Morrissey – Hamburg 18.12.06
Ich habe Männer weinen und auf die Knie fallen sehen als er die Bühne betrat. Sie saßen auf den Schultern ihrer Mädchen und Jungs und stimmten immer wieder Morrissey-Gesänge an, als wären wir bei einem Fußballspiel. Und was sagt dieser so scheu wirkende Mann leise: „That´s not necessary.“ Großes Kino!
2. Muse – Hamburg 26.11.06
Vielleicht lag es daran, dass wir in der falschen Ecke gesessen haben, zumeist umgeben von Versicherungsvertretern und Bankkaufleuten, deren maximale Bewegung aus mit den Füßen wippen bestand, vielleicht lag es auch daran, dass ich Muse das erste mal in einer Halle und nicht in einem Club sehen durfte oder einfach nur an der verschütteten Cola auf dem Boden, aber der übliche weggetretene Trancezustand, den ich auf früheren Konzerten erreichte, wollte sich nicht einstellen. Dennoch eine fantastische Bühne und eine fantastische Show, bei der die Securities alle Hände voll zu tun hatten. Vielleicht hätte ich dieses eine Mal aufs Sehen verzichten sollen und mich dem fast kollabierenden Innenraum anschließen sollen. Ich möchte noch immer ganz „Sweet-Sixteen-like“ brüllen: „I love you, Matt!“
3. Placebo – Hamburg 16.12.06
Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mir einem kahlrasierten, ungeschminkten Brian Molko, der in einem Anzug auf die Bühne trat. So männlich verlor er fast ein wenig von dem Zauber, dem ich auf der „Soulmates never die/Live in Paris“ erlegen war. Dennoch ein ausverkauftes Konzert, dass vom ersten Ton an in die Beine und in die Kehlen schoss. „Special K“, „Meds“, „Song to say goodbye“ und „Bitter end“ wurden von der ersten Zeile an fast Hymenartig mitgesungen und man wünschte sich nur eins: Das dieser unglaubliche Mann uns gelassen hätte. Aber auch so war es Gänsehaut pur.
4. Depeche Mode – Hamburg 15.01.06
Erst durch das Album „Ultra“ auf den Depeche Mode Zug aufgesprungen, hatte ich die Karten gekauft, bevor ich das neue Album „Playing the Angel“ kannte. Dies ließ mich schon fast wieder den voreiligen Kartenkauf bedauern, doch am Ende war es eine große Show, in der sich drei alte Weggefährten, die sich nicht immer lieben, den nötigen Raum ließen. Dave Gahan, den ich so wunderbar überzogen in dem „It´s no good“-Video fand, sorgte mit seiner gockelnen Art, die er wohl schon immer an den Tag gelegt hat, für viel Spaß. Die Halle selbst kochte natürlich vor allem bei den Klassikern aus den Achtzigern, aber so ist das wohl, wenn eine Band auf diesem Niveau über 20 Jahre im Geschäft ist. Die Fans altern mit und wollen zurückgebracht werden in die guten alten Zeiten. Am Ende war ich auch mit „Playing the angel“ ausgesöhnt und freute mich, dass sie dennoch einiges von ihren besten Platten „Exiter“ und „Ultra“ gespielt hatten.
5. Rosenstolz – Schwerin 22.08.06
Gut erholt nach einer Tourpause spürte man, dass sie wieder Lust hatten und diese Lust gaben sie an ihre Fans zurück. Sie ließen es rocken und waren auch instrumental fantastisch besetzt. Viel mehr kann ich allerdings nicht dazu sagen, denn ich habe weder viel gesehen noch gehört. Doch für das nächste Mal habe ich mit meinem ewig laut mitsingenden Liebsten vereinbart, dass wir das Konzert getrennt erleben werden. Sollen sich doch andere ärgern.

Film des Jahres

1. Brokeback Mountain
Ang Lee ist und bleibt einer der besten Geschichtenerzähler Hollywoods
2. Hard Candy

Der Film lässt einen fassungslos und hilflos zurück.
3. Walk the line

Beeindruckende Geschichte des "man in black" und nicht ein einziges "Ich Liebe dich" in einer der stärksten Liebesgeschichten der modernen Musik.
4. Match Point

Woody Allen anders und doch at it´s best, trotzdem es London ist und nicht New York oder vielleicht gerade deswegen?
5. Der Rosinenberg

Die Liebeserklärung an einen der schönsten Landstriche Deutschlands

TV-Serien des Jahres
1. Deadwood
Die erste Staffel zum Geburtstag bekommen und bereits am 2. Weihnachtstag die letzte Folge geschaut. Die unzivilisierten Sopranos des wilden Westen und noch böser. Toll!

2. Six Feet under
In diesem Jahr durften auch wir hier in Deutschland uns von einer der besten Serien verabschieden. Und am Ende bleibt die Frage nach dem Warum.
3. Die Sopranos
Sehnlichst wird Staffel 6 von mir auf DVD erwartet, auch in dem Wissen, dass diese Serie sich damit für immer verabschiedet.
4. Nip/Tuck
ProSieben stellte die Sendung schon mitten in Staffel 2 wegen Quotenflaute ein. Staffel 3 darf als DVD nur noch an Volljährige verkauft werden. Ich bleib dabei: Herrlich böse und abgründig. Und solange „Wetten dass…?“ noch immer höchste Einschaltquoten bekommt, können diese kein Kriterium sein.
5. Lost

Die erste Staffel komplett verschlafen bin ich jetzt voll drauf. Ich sag nur: Der Hai! der Hai! Das Logo! das Logo!

Bücher, gelesen in 2006
1. Danny Sugerman – Wonderland Avenue

Ein Buch über L.A. Ende der Sechziger und den beginnenden Siebzigern, Drogen und Aufstieg und Fall von „The Doors“ und Jim Morrison im Speziellen. Geschrieben aus der Sicht eines heranreifenden Jungens, der sich verliert und dennoch findet in dieser kaputten Welt aus Musik und Drogen. Ein Tatsachenbericht, der kaputter und spannender kaum sein kann und der mich in diesem relativ lesearmen Jahr am stärksten gepackt hat.
2. Anais Nin – Nächte unter dem Venusmond
„Nächte unterm Venusmond“ wurden Anais Nins Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1937 bis 1939 genannt. Erst 2005 auf Deutsch erschienen, stellen sie die letzte Zeit ihrer Pariser Jahre dar, in denen sich ihre Affäre zu Henry Miller zu Gunsten einer ebenbürtigen Freundschaft zu verändern beginnt, in denen sie durch ihren Geliebten Gonzalo Morá an den Kommunismus herangeführt wird und in denen die Versetzung ihres Mannes nach London sie vor eine Entscheidung stellt, die ihr am Ende auch durch Ausbruch des Krieges abgenommen wird. Wieder ein Buch voller Kraft, Authentizität, Schönheit, Reflektion, Intelligenz, Weisheit und unerbittlicher Ehrlichkeit, das die instinktive Wildheit der Autorin deutlich spüren lässt
3. Gabriel Garcia Marquez – Leben, um davon zu erzählen
Im seiner Autobiografie schildert Marquez die Geschichte seiner Familie und die seine bis zu seinem ersten Verlassen des Landes. Er nimmt uns mit auf seiner Reise durch die verschiedenen Teile Kolumbiens, die im Laufe seines jungen Lebens zu Aufenthaltsorten wurden und erzählt uns damit gleichzeitig, woher seine Romane kommen. Er verortet uns damit nicht nur geografisch in Kolumbien sondern auch historisch und seelisch.
604 Seiten stark, stellte mich dieses Buch vor eine ähnliche Herausforderung wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ oder „Die Liebe in Zeiten der Cholera“. Nicht, weil mich 600 Seiten schrecken, sondern weil aus 600 Seiten Marquez durch seine dichten Erzählweise durchaus gefühlte 1200 Seiten werden können. In diesem Fall jedoch nicht
4. T.C. Boyle – Dr. Sex
In seinem Roman „Dr. Sex” folgt T.B. Boyle den Spuren Professor Kinseys, der mit seinem Report über die Sexualität des Mannes und später auch der Frau Amerika aus seinem puritanischen Dornröschenschlaf erweckte und der Nation einen erbarmungslosen Spiegel vorhielt. Auf gewohnt satirische Art nähert sich der Autor einem Mann, der einem Land die eigene Heuchelei vor Augen führen will und am Ende seines Weges, auf welchem weder Gefühle noch Widerspruch geduldet werden, genau dieser erliegt.
Kinsey erweist sich am Ende auf seine skrupellose, fanatische und auch geniale Art als ein Produkt seiner Zeit und seines Landes.
5. Michel Houllebecq – Die Möglichkeit einer Insel
Hoellebecq nimmt uns mit in die Zukunft, in der wir durch Klonen das hässliche Gesicht des Alterns umgehen. Daniel24 ist die 24. Ausgabe von Daniel, „geboren“, um, wie alle vor ihm, die Aufzeichnungen von Daniel1 und dessen Nachfolgern zu sichten, zu interpretieren und eigene Gedanken hinzuzufügen. Isoliert lebend auf einem Stück Land an Spaniens Mittelmeerküste und mit anderen nur verbunden durch ein Computernetzwerk, erzählt uns Daniel24 seine Geschichte und die Geschichte seiner Vorgänger auf der Suche nach Antworten, Erklärungen der Vorgänge, die zu diesem System führten und der Frage, ob dieses System tatsächlich besser ist als jenes, das Daniel1 Generationen zuvor schilderte. Als sein Kontakt Marie23 ihre Isolation verlässt, um sich auf die Suche nach einer Insel zu machen, auf der andere Abtrünnige zu finden sein sollen, die den Tod in Kauf nehmen, um zu leben, erschließt sich Daniel24 eine neue Möglichkeit – die Möglichkeit einer Insel.

Sonntag, Dezember 24, 2006

Pfadfinder 2006

1. away games - the say highs
2. elephant - portugal. the man
3. juniper - noe venable
4. in the cold light of morning - placebo
5. at last i am born - morrissey
6. eleanor put your boots on - franz ferdinand
7. burning - the whitest boy alive
8. zu schön - voltaire
9. nothing in my way - keane
10. analyse - thom yorke
11. pass fail - leander
12. a man of fortune - devastations
13. you stole my heart away - lucky jim
14. hoodoo - muse
15. tiny house - uzi & ari
16. horizont - rosenstolz

Die Pfadfinder sind eine Liste von Songs, die mich 2006 begleitet und berührt haben. Sie sind dennoch keine Top Ten oder in diesem Fall Top Sixteen. Abgerechnet wird bekanntermaßen am Schluss und noch ist das Jahr nicht zu Ende...:-)

In diesem Sinne wünsche ich allen an dieser Stelle ein frohes Fest und hoffe, dass sich auch in 2007 unsere Wege weiterhin kreuzen werden.

Sonntag, Dezember 10, 2006

15 Lebensweisheiten, die wir von Hunden lernen können


1. Lass niemals die Gelegenheit für eine Vergnügungstour aus.
2. Labe Dich an den Segnungen von frischer Luft und etwas Wind im Gesicht.
3. Wenn deine Lieben nach Hause kommen, renne, um sie zu begrüßen.
4. Wenn es dir nützt, zeige Gehorsam.
5. Lass andere wissen, wenn sie dein Territorium verletzt haben.
6. Mache regelmäßige Nickerchen und streck dich, bevor du aufstehst.
7. Renne, tolle und spiele täglich.
8. Esse mit Appetit und Enthusiasmus.
9. Sei loyal.
10. Wenn das, was du willst, verborgen ist, buddle es aus.
11. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, sei in der Nähe, aber halt die Klappe.
12. Sorge für Aufmerksamkeit und bleib mit wichtigen Menschen in Kontakt.
13. Beiße nicht, wenn bellen reicht.
14. Wenn du glücklich bist, zeig es.
15. Egal, wie oft du ausgeschimpft wirst, schmoll nicht, sondern bleib ein Freund.

Gefunden beim
waschsalon

Mittwoch, Dezember 06, 2006

Weil AIDS nicht nur am 1.12. und nicht nur in Afrika krank macht

Weltweit starben seit Entdeckung des HIV-Erregers 25 Millionen Menschen an AIDS und seinen Folgekrankheiten. 2,9 Millionen waren es in diesem Jahr. 4,9 Millionen Neuinfektionen wurden verzeichnet.
2005 waren es in Deutschland 2486 Neuinfektionen. Die Zahlen für 2006 liegen noch nicht vor.
Das Magazin „Focus“ bezeichnete die, im weltweiten Vergleich verhältnismäßig niedrige Zahl als
„erfreulich bescheiden“, doch verschließt man sich mit dieser Art zu denken einer Tatsache:
Die Zahl der Neuinfektionen ist in Deutschland trotz Aufklärung, Prävention und intakten medizinischen Infrastrukturen im Jahre 2005 um 30 Prozent gestiegen.
Die
Regierung reagierte und beschloss im Juli dieses Jahres eine HIV/Aids-Strategie. Diese beinhaltet im wesentlichen Präventionsarbeit, Stärkung der biomedizinischen und sozialwissenschaftlichen Forschung, funktionierende Gesundheitsversorgung und die Anerkennung Kranker in Familie und Gesellschaft.
Das
Strategiepapier bietet damit jedoch nichts wirklich Neues. Eher macht es deutlich, dass in den vielen Jahren des immer weiter nachlassenden Engagements seitens des Staates die Entwicklung in Sachen AIDS-Arbeit und Forschung verschlafen worden ist. Die Zahlen der Neuinfektionen steigen, die sozialen Probleme sind mehr oder weniger die Gleichen geblieben, die Krankheit ist noch immer nicht eingedämmt. Stattdessen mussten beispielsweise gerade die AIDS-Hilfen Jahr für Jahr den Gürtel enger schnallen, obwohl doch sie die so notwendige Basisarbeit leisten.
Dass die Basis dabei immer schwerer zu erreichen ist, erkennt man an gesellschaftlichen Phänomenen wie den so genannten „Bareback-Partys“. Dort treffen sich positive und negative Gleichgesinnte, um Sex ohne Kondom zu haben. Man erkennt es auch an der gestiegenen Zahl ungewollter Schwangerschaften, vor allem unter Jugendlichen, und an untreuen Ehemännern, die trotz Verantwortung gegenüber der Familie noch immer nicht zu wissen scheinen, wie man sich ein Kondom überstreift.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 60 Prozent der Neuinfektionen betrifft homosexuelle Männer aus Großstädten. Doch an dieser Stelle sollten sich Heterosexuelle nicht zurücklehnen und denken, dass sie aus dem Schneider sind, denn Tatsache ist auch, dass sich 2005 25 Prozent mehr Heterosexuelle als im Jahr zuvor angesteckt haben, während die Steigerung bei Homosexuellen bei 15 Prozent liegt.

Die Angst als Präventivfaktor scheint in Zeiten von Routine und Kombinationstherapien eingebüßt zu haben.
So erfreulich die Entwicklung auf dem medizinischen Sektor auch ist, sind die AIDS-Therapien dennoch nichts anderes als lebensverlängernde Maßnahmen, die seelische, körperliche und soziale Konsequenzen mit sich bringen. Sie sind kein Heilmittel.















In einer immer hedonistischer veranlagten Gesellschaft werden nicht nur die Gedanken an Krankheit an den Rand gedrängt, sondern auch die Kranken selbst. Dieses Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“ greift die Initiative
„Vergessen ist ansteckend“ auf und entwickelte zusammen mit der Agentur „Etwas Neues entsteht Marketing GmbH“ eine Kampagne, die anhand von sich erbrechenden und unter sich machenden Kuscheltieren versinnbildlichen, wie quälend diese Krankheit trotz Medikamente ist. Die Kampagne richtet sich an Jugendliche, die Botschaft jedoch ist allgemeingültig.

Ein Satz, der mich schon während meiner ehrenamtlichen Arbeit für die AIDS-Hilfe Hamburg begleitet hat und der fast so alt sein dürfte, wie die Krankheit selbst, macht klar, wie einfach Handeln ist:
AIDS ist die einzige tödlich verlaufende Krankheit, vor der wir uns schützen können.

Tun wir es doch einfach.

Mittwoch, November 29, 2006

Plug in, baby!

Ein drittes Mal in meinem Leben als Fan durfte ich am vergangenen Sonntag eine goldene Eintrittskarte einlösen, damit sich die Pforten in ein akustisches Paradies voller Wahnsinn, Trance und Atemlosigkeit öffneten.
„Muse“ spielte auf. Und, zumindest in Hamburg, das erste Mal in der Halle. Man durfte gespannt sein: Würde eine Band, die von Beginn ihrer Karriere an polarisierte, tatsächlich die 7000 Mann fassende „Alsterdorfer Sporthalle“ füllen? Sie füllte. Die aktuelle Platte „Blackholes and Revalations“ spaltet zwar die langjährige Fangemeinde, doch scheint sie mit ihren Clubsound-Zitaten gleichzeitig ein neues Publikum anzuziehen.
Die Vorband mit dem furchtbar unkreativen Namen „Noisettes“ kann man vernachlässigen. Auch wenn die schwarze Sängerin mit der weißen Stimme eine unglaubliche Show geboten hat, ist der Sound dennoch ähnlich angelegt wie der Name. Und so wurde jedem, der in den 80ern groß geworden ist, definitiv nichts Neues geboten.
Sie ließen uns warten, die drei Jungs aus Devon. Doch dann geht das Licht aus, der Vorhang fällt und zu „Knights of Cydonia“ positionieren sich die drei Vollblutmusiker und schleudern uns mit dem energetischsten Song des aktuellen Albums sogleich in ihre Welt. Die Halle bebt. Männer, zuvor noch von Coolness geprägt, schreien hysterisch und Frauen rocken, was die Hüften hergeben. Matts Falsett klingelt göttlich in den Ohren und er treibt uns auf einer Bühne, die durch Klarheit und technischer Raffinesse besticht, durch zwei Stücke, bevor die Jungs eine erste kleine Pause machen und das Publikum auf deutsch (!) begrüßt wird. Souveräne Geste von Musikern, die dafür bekannt sind, jenseits ihrer Musik keine großen Worte zu machen.

Drummer Dominic Howard zählt von seinem zwei Meter hohen Podest ein und schon peitschen sie uns durch ein Set, das hauptsächlich aus den Songs der letzten drei Alben besteht, so denn man „Hullaballoo“ als B-Seiten-Sammlung mal außen vorlässt. Klassiker wie „Plug in Baby“ und „Time is running out“, werden laut mitgebrüllt und, auch das ist neu, Matt lässt uns singen. Auf den Bildschirmen links und rechts der Bühne sind dabei die teilweise schrägen Kameraeinstellungen zu sehen, die man schon vom „Le Zenith“-Mitschnitt kennt. Sie zeigen Matts Hände an den Saiten und an den Tasten, das es ein Fest ist.
Die eine oder andere technische Pause, die durch die 3+1-Mann-Besetzung nicht ausbleibt, wird mit Nettigkeiten überbrückt, doch der Abgang nach dem ersten Set stürzt uns in Verwirrung. Dunkel wird es und weg sind sie. Kein „Good-bye“, nichts, nur eben Dunkelheit. Unruhe macht sich breit, erste Pfiffe und dann beginnt die Halle unter dem Zugabe-Trampeln der Fans im Innenraum zu beben. Doch sie lassen sich bitten. Es scheint technische Probleme zu geben, denn als sie endlich erneut die Bühne betreten, Matt sich ans Klavier setzt und etwas ruhigere Töne anschlägt, klingt es, als hörten sich die drei nicht immer.

Am Ende dieses Sets wird sich auch brav verabschiedet. Feiern lassen sie sich dennoch nicht. Nicht nur ich bitte darum, noch nicht das Licht anzumachen, in der Hoffnung, noch einen Moment in dieser Welt aus dichten Klangwänden, treibenden Bass und Drums und einer manchmal fast verstörenden Stimme verweilen zu dürfen. Doch die Kuppel senkt sich über das Schlagzeug und die Helligkeit der Deckenleuchten katapultiert uns zurück in die langweilige Ödnis einer alten Halle. Man macht sich auf den Heimweg. Durchgeschwitzt und mit Adrenalin zugepumpt, klingeln die Ohren.

Kleiner Mann, ganz groß – Plug in, baby!

Mittwoch, November 22, 2006

Ein Krieger ist tot


Die Schlacht ist geschlagen. Die Verlierer stehen fest. Gewinner gab es keine. Rückzugsmöglichkeiten auch nicht. Es ging um alles oder nichts und wir haben verloren - er hat verloren.
Fünf Tage wurden ihm gegeben, zehn sind es geworden. Zehn Tage, in denen ich ihm nahe sein durfte, wie schon lang nicht mehr. Tage, in denen ich mit ihm teilte, wie ich mit ihm geteilt hatte, als er noch ein kleines Lamm war. In denen ich wieder seine Mutter sein musste – sein durfte. In denen wir Seite an Seite kämpften. Tage in denen ich ihn fütterte, Zwiesprache mit ihm hielt, wir uns in die Augen sahen. In denen er seinen Kopf an meinen Kopf lehnte, auf meine Schulter legte, zu schwach, zu stehen, jedoch noch zu stark, sich, vielleicht für immer, hinzulegen.


An Willen hatte es ihm nie gefehlt. An Kraft am Ende schon. Lange wird mein Blick noch nach ihm suchen, wenn ich zum See hinunter schaue.

Montag, November 06, 2006

Der Musikmarkt und seine Entwicklung.

Heute fand ich auf spiegel.de dieses interessante Interview mit dem Sony-BMG-Marktforscher Michael Pütz. Spannend fand ich die Aussage von Pütz: "Der Markt entwickelt sich immer mehr vom Angebots- zum Nachfragemarkt. Das einfache Anbieten und Bewerben von Bands und Produkten reicht nicht mehr aus. Die Musikindustrie muss sich verstärkt an der Nachfrage orientieren und viel früher die kommenden Trends entdecken." Wenn ich das lese und mir gleichzeitig die Charts anschaue, bestätigt es nur einmal mehr, das von den Majorlabels nicht viel zu erwarten ist. Und das gut gemachte Musik bis auf wenige Ausnahmen weiterhin in der Sparte schlummert.

Nach der auf der ebenfalls auf dieser Seite enthaltenen Umfrage zum Thema, musste ich feststellen, wie wenig Ahnung ich von Musikdownloads und seinen Formen hatte. Abgesehen davon, dass die Teilnahme aus technischer Sicht für mich lehrreich war, hatte ich das (vermutlich irrige) Gefühl, meine Stimme mal wieder für die gute alte CD als solche erheben zu können und mich vor allem gegen das ärgerliche, meines Wissens unter anderem von Napster vermarktete, DRM-Format aussprechen zu können. Auch wenn Herr Pütz glaubt, das dieses Format gar nicht unbedingt abgelehnt wird, sondern das es nur am Wissen darum scheitere. Ich persönlich bin jetzt schlauer und kann aus der Tiefe meiner Überzeugung sagen, das ich dennoch dafür niemals Geld bezahlen würde.

Also, macht mit und zeigt Herrn Pütz wie unbeliebt DRM, so denn ihr ähnlich denkt und hört, wirklich ist.