Montag, Juni 19, 2006

Und noch ein Geburtstag

„Für wie alt schätzt Du mich?“ Diese Frage musste ich mir - musste sich jeder, der mit meines Liebsten spanischer Großmutter zusammentraf - gefallen lassen und wehe du sagtest etwas Falsches!
Aber das Schöne daran war, das man nichts Falsches sagen konnte, angesichts einer Frau, die trotz hohen Alters noch immer über die Straße eilte, als ob es selbstverständlich wäre, das der fließende Verkehr nur für sie in jedem ihr genehmen Moment zum Erliegen kommt. Für eine Deutsche wie mich ein Phänomen angesichts des in meinen Augen unüberschaubaren Betriebs, in welchem bei Bedarf aus einer etwas breiteren zweispurigen Straße auch schnell mal eine dreispurige werden konnte. Nicht für Aboelita und du hattest nur eine Chance, wenn du dich an sie dran gehängt hattest.
Des weiteren war sie nie weit, wenn gefeiert und getanzt wurde. Sie war lustig, voller Leben und Temperament und so schnell konnte ihr niemand etwas vormachen.
Inzwischen ist meines Liebsten Mutter auch Aboelita (spanisch für Großmütterchen) und auch ihr kann man nicht so schnell was vormachen und wo getanzt und gefeiert wird ist auch sie nicht weit.
Noch ist ihr Standartsatz nicht: „Für wie alt schätzt du mich?“, noch ist es: „Habe ich nicht tolle Kinder?“ Der Begriff „Kinder“ kann alternativ durch „Familie“ ersetzt werden, doch zu hören bekommen wir ihn alle, sobald sich nur eine Gelegenheit ergibt. Eine Hamburger Freundin hatte einmal schlagfertig geantwortet: „Erstaunlich!“, aber auch das hält Nena nicht davon ab, diese Frage immer wieder rhetorisch in den Raum zu werfen.
Gestern feierten wir Nenas Siebzigsten. Ja, ich betone es gern: S-I-E-B-Z-I-G.
Ich kann immer wieder die Freude in ihren Augen sehen, wenn jemand geschockt auf die Nennung ihres Alters reagiert.
Für uns persönlich war die gestrige Feier das Zeichen, das beim Geburtstagsmarathon, der uns im Juni heimsucht, von jetzt an runtergezählt werden kann, aber sie war auch weit mehr. Sie war eine Gelegenheit für die inzwischen in Europa verstreute Familie wieder einmal zusammenzukommen und für Nena, sich im Kreise ihrer Lieben und ihrer vielen langjährigen Freunde feiern zu lassen.
Und so begab es sich, das während auf der Förde die Windjammerparade der Kieler Woche vorbeizog, im Baltic Bay Restaurant auf spanisch/südamerikanisch gebruncht, getanzt und gefeiert wurde.
Deutlich wurde wieder einmal, woher mein Liebster seine Rampensau-Gene hat, aber mal ehrlich, manchmal macht das wirklich mehr Spaß, als sich bei gediegener Unterhaltung anzuöden.
Wobei ich sagen muss, dass das in diesem Kreis wohl nie passiert. Wo mehr als eine Spanierin ist, kann es nicht mehr gediegen und öde sein.
Faszinierend war auch für mich, wie sehr diese wunderbaren Frauen um Nena herum, alle mit deutschen Männern verheiratet, dem Frauentyp aus Almodovar-Filmen und Büchern von Almudena Grandes entsprechen. Es gibt ihn, den Prototyp der spanischen Frau, von ihren (in diesem Fall deutschen) Männern hochverehrt und verschworen bis ins Mark. So rau ihr Umgangston untereinander manchmal sein mag, spürt man ihre Verbindung, ihre Loyalität und ihren Respekt füreinander. You never walk alone oder in diesem Fall Nunca estas solo.
Und trotzdem ich weder Spanierin bin noch annähernd über ein entsprechendes Temperament verfüge, ist es mir eine Freude, in diese Familie aufgenommen worden zu sein und als ein Teil von ihr zu gelten.
 Posted by Picasa

1 Kommentar:

Baccarat Online hat gesagt…

Bravo, brilliant idea